Pretending

Dieser Beitrag wurde uns von Justina zugesandt.

Pretending

Fassungslosigkeit. „Er ist tot? Er hat sich umgebracht?“. Schweigen, betretenes Schweigen. Und dann wieder diese Fassungslosigkeit. Getuschel. Coole Sprüche. „Ich wusste es schon immer, der war doch dumm, das war doch klar.“ Und alle warten auf eine Erklärung.

Ein Foto wird aufgehängt, Kerzen aufgestellt. Mitleidige und trauernde Mienen aufgesetzt. Sie haben ihn nich gemocht. Seine Art, seine Kleidung, seine Musik. Vielleicht kannten sie ihn nicht einmal. Kannten nicht den Menschen, der er wirklich war, der liebevolle, hifsbereite Junge. Sahen nur den Außenseiter ihn ihm. Doch jetzt? „Jaja, ich kannte ihn. Er war immer so nett. Ich mochte ihn immer.“ Heucheleien. „Mein tiefstes Mitleid an seine Familie und seine Freunde“. Ach ja? Die Familie? Die man nicht kannte. Die Freunde? Die einen nicht interessierten. Blätter werden nebens Bild gehängt. Zeilen voller Trauer stehen auf ihnen geschrieben. Zeilen voller Fassungslosigkeit. Zeilen voller Trost. Doch wird wirklich getröstet? Geht der Schreiber dieser Zeilen auch nur zu einem einzigen Freund und legt den Arm um ihn? Sorgt sich denn irgendwer um die Familie? Denkt auch nur einer von ihnen länger als nach 3 Tagen noch daran? Wo ist denn nun auf einmal der Trost und die Trauer? Oder gab es sie etwa nie?

Die Beerdigung. Weder Sonne noch Regen lassen sich blicken. Ein kühler Wind weht über den Friedhof. Eine große Masse an Menschen. Familie, Freunde, Angehörige. Und wer steht daneben? Wer mischt sich in die Menge? „Natürlich gehe ich zur Beerdigung, ich kannte ihn auch. Er war immer so nett. Ich mochte ihn immer.“ Die Grabrede wird mit Langeweile verfolgt. Natürlich mit trauernder Miene. Die Beisetzung wird mit unheimlichem Interesse an den Reaktionen anderer verbracht. Später wird darüber diskutiert werden „jaja, und die hat auch geheult und die und der…“. Nach der Beisetzung wieder betretenes Schweigen. Und wieder diese Fassungslosigkeit. Während die andern sich noch wie in Trance zur Versammlung nach der Beerdigung begeben wird nur ungerührt rumgestanden. „Gehen wir auch hin?“, „Es gibt bestimmt lecker Leichenschmaus.“, „…schließlich kannten wir ihn auch.“.

Der Tag danach. Wo noch eben Fassunsglosigkeit war, ist jetzt Gleichgültigkeit. Wer beachtet schon das Foto, das an der Wand hängt? „Man kann ja nicht ewig trauern.“ Oder hat man einfach nur nie getrauert? Wo ist sie denn, die Trauer? Der Trost? Die Fassungslosigkeit, die Verzweiflung? Während die Freunde vor dem Bild stehen und Kerzen anzünden, wird hektisch und blind durch die Gegend gerannt. Der Sog zurück in den Alltag hat sie noch lange nicht erfasst. Wird er sie je erreichen. Sie stehen vor dem Bild, weinen einsame stumme Tränen, stellen sich immer wieder dieselbe Frage. „Wieso hat er das getan?“ Doch es interessiert sich niemand mehr dafür. Die Aufregung ist vorüber, die Nachricht ist nichts Neues mehr, sie schockt nicht mehr. „Endlich passiert hier mal was“ hieß es. Denn tief im Innern wurde es als toll empfunden. Sie haben sich ergötzt daran, den barmherzigen Samariter zu spielen. Sie haben sich gesuhlt in der angeblichen Trauer. Es ist so einfach Gefühle vorzuspielen. Sie einfach im richtigen Moment anschalten und wenn man sie nicht mehr braucht, kann man sie wieder abschalten. Doch das sind keine Gefühle. Solche Menschen sind seelenlose Wesen. Sie wissen nicht, was Trauer bedeutet, was Schmerz bedeutet. All dies kennen sie nicht. Sie verstehen es nicht. Und sie werden es wahrscheinlich erst verstehen, wenn ihnen selber so etwas zustößt. Nein, ich wünsche ihnen nicht diese Erfahrung. Verbunden mit der endlosen Trauer und dem tiefen Schmerz. Ich würde es meinem ärgsten Feind nicht wünschen. Aber ich wünsche mir nur ein bisschen mehr Wärme in dieser kalten, herz- und seelenlosen Gesellschaft. Ich wünsche mir, dass die Menschen ihre Augen öffnen und nicht mehr blind und verschlossen durch ihr Leben wandeln. Ich wünsche mir, dass die Menschen aufeinander zugehen. Denn wo Wärme und Liebe sind, ist kein Platz mehr für Trauer. Und Zeit kann endlich alle Wunden heilen. Ich wünsche mir… .

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